Der Wahrheit
Maria W. verbrachte die Nachmittage am liebsten alleine auf ihrem winzigen Zimmer, ein Verschlag in der letzten Ecke, dem allerletzten Winkel dieses blassen, rumorigen Hauses, welches von außen verbarg, was von innen nur schwer zu ersehen war. Selbst der gelbgrün gestrichene Gang dorthin im grauen Halbschatten ohne Tageslicht, nur beleuchtet von flink flackernden Leuchtstofflampen einer anderen Zeit, einer anderen Belegschaft, verwies bereits vor dem Betreten des schlafenden Räumchens auf einen bevorstehenden Hort fragiler Innerlichkeit.
Er klopfte an die Tür und wurde nach langem Warten, welches ihn auf der Stelle treten ließ, hereingerufen, schroff, nüchtern und mit ironischem Unterton, ähnlich dem, wie ein Major seinen Adjutanten erbittet, den er, wenn überhaupt, nur mit halbem Wohlwollen duldet. „Schau an, welch hoher Besuch!“ schallte es kräftig aus ihrer Richtung, den Rücken ihm zugewandt, aus dem Fenster in die Trübseligkeit des grauen Wintertages hinausstarrend, ganz eingenommen vom leichten Schneetreiben ihrer alternden, unbequemen Seele und doch konzentriert auf den Moment. „Wenn du nicht die ganze Zeit auf meine Beine starrst, dann kannst du sehen, was ich mache! Ich weißle! Ich weißle das Haus meiner Eltern! Und du, Soldat? Lungerst in den Gassen und schielst mir in die Bluse, wenn ich mich bücke!“ rief sie noch lauter und klarer, was ihn zum Lachen brachte. Die alte Dame hatte offenbar trotz des Vergessens des Alltäglichen, hingegen ihr theatralisches Gedächtnis behalten. Es war ihre Art, Distanz zu schaffen, Distanz zu den Menschen, zu ihm, zu sich selbst, während sie doch genau in diesem Moment in die eisige Leere der Winterlandschaft hinausblickte, die wie ein Spiegel ihrer inneren Kälte war.
Eben noch an der Tür harrend und die schmale Welt der Bewohnerin und den Ausblick betrachtend, betrat er nun gemächlich diesen stillen Ort. Er griff langsam zu seinem Block und seinem weichen Bleistift, begann das zu zeichnen, was genau vor ihm lag: links ein Sekretär, darauf Bücher, Stifte, ein Clownskopf, der ihn zu verhöhnen schien, eine abgewandte Figur in der Mitte vor einem Heizkörper, auf dem ein Kaffeebecher steht, oberhalb, ein Fenster mit trübsinnigem Gesicht und leeren, lichtscheuen, Augen, rechts, das aus dem Bild ragende Bett samt achtlos zurückgeworfener Decke.
„Als ob die Stifte führend wären...“ hörte er plötzlich ihre Stimme. Sie hatte sich ihm zugewandt, schaute auf die Zeichnung hinab, und ihre Worte waren wie ein Nachklang dessen, was im Raum lag – das Unausgesprochene, das sich in der Linie des Bleistifts manifestierte, eine intuitiv dahingeworfene, endlose Linie, die es in nur wenigen Augenblicken verstand, ein Raumgefüge zu erschaffen, in dessen Flechtwerk Dinge ihre physikalische Präsenz derart behaupteten, als ließe sich allein aus ihnen die Wahrheit dieser Welt gewinnen.
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