SKULPTURENPARK MöWa - A better place - von Arthur Kunz



Hermann

Hermann begriff, der Weg hinauf und der Weg hinab waren ein und derselbe. So machte er sich langsam, fast bedächtig auf den Weg hinunter. Immer wieder wandte er sich um, als erwarte er einen Ruf, ein Zeichen, einen Verfolger, jemanden, der ihn zurückhalten wollte. Doch da war niemand. In Stille und Einsamkeit setzte er einen Fuß vor den anderen. „Das wichtigste ist doch da“, dachte er, „ein Konto, ein Perso, und selbst die Versicherung kann mir keiner nehmen.“ Ein Schmunzeln zuckte in seinem aufgequollenen Gesicht, als er weiter in Gedanken versunken, Stufe für Stufe herabstieg. Da, plötzlich, ein Ruf, klar und doch weit entfernt, als riefe ihn seine Vorzeit. „Komm zurück, Hermann! Lass uns hinauf gehen und das Strafgeld bezahlen. Alles wird sich auflösen. Du wirst sehen, es löst sich auf, wie es das immer tut. Komm, gib mir deine Hand!“ Hermann drehte den Kopf, suchte mit müden Augen den Raum ab. Nur ein kleines, gluckerndes Rinnsal, das sich seinen Weg entlang der Stufen bahnte, begleitete ihn. Eine Gestalt oder eine Hand? Nichts. Woher diese feurige Stimme? War dieser Ruf ein Scherz seines erschöpften Geistes? War all das nur in seinem ausgebrannten Kopf? Ein Bild des Wahns? Hermann war es gewohnt, die Dinge auf seine Art anzugehen, langsam, bedächtig, beinahe träge. Wenn er sich die Augen reiben wollte, hob er die Hand wie einen schweren Sack, wenn er sich abwischen wollte, las er zuerst genüsslich die alte Zeitung, und lachte, grob aber herzlich. Auch jetzt hielt er inne, setzte sich auf eine Stufe, stellte die Tüten neben sich und ließ den Kopf auf die Knie sinken. Die Augen zu, als Suche er nicht Ruhe, sondern Rückkehr zu sich selbst, zu einer erträglichen Form der Wirklichkeit. Er wartete. Nichts. So schlief er ein und eine nicht enden wollende Zeit verging, deren Echo sich lautlos in seinen Träumen verklang. In diesen Träumen sah er einen violetten Nebel, der wie aus dem Nichts aus einer tönernen Pfeife stieg und sich über die Wände der dunklen Höhle legte. Der Nebel hielt die Zeit für ihn an, die Höhle, in der er lag, ein Grab – sein Grab, das Grab seiner Ahnen. Zwei Kinder, ihre Haut dunkel, ihr Haar schwarz und kraus, traten nackt an den Eingang. Ohne Worte reichten sie ihm die Pfeife, dazu Weihrauch. Sie beugten sich zu ihm vor, küssten ihn auf die Stirn, ein heiliger Moment, ein flüchtiger Ritus. Nun zögerten sie, wollten den Ort nicht verlassen, dann gingen sie doch, unsicher, was kommen würde. Er blieb zurück, der Nebel inzwischen zum Schneiden dick, warm und stickig. Er verschwand in einer dichten Masse, die ihn einhüllte wie eine zweite Haut, ein dampfender, erdrückender Wintermantel. Der alte Mann erwachte, sein Kopf noch auf den Beinen gebettet. Sein Blick fiel auf die Stufe unter ihm. Dort war etwas in Stein geritzt, grob und mit sichtbarer Mühe: „Das Leben ist schön.“ Welch schwere Arbeit, diesen Satz zu schreiben, als ob das bloße Eingestehen dieser Schönheit bereits eine Last gewesen wäre, dachte er sich. Dann merkte er, dass er nicht wirklich erwacht war. Er war im nächsten Traum gefangen, im nächsten Akt einer Folge endloser Szenen, eine scheinbar endlose Episode. Das Blut begann leise aus ihm zu fließen, drang durch seine Füße aus dem Körper, schlich sich langsam über die Stufen, verband sich mit dem Rinnsal, strömte wie eine dunkle Erinnerung den Weg hinab und auch hinauf. Tropfen für Tropfen verteilte es sich in Raum und Zeit. In diesem Moment erstarb die Zeit für Hermann, blieb stehen inmitten des Weges.


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